Beziehung statt Erziehung

Neulich waren wir in einem Zoo mit einem Meerschweinchen-Streichelgehege. Man konnte ein und ausgehen und es gab einen Automaten mit Futter, mit dem man die Schweinchen anlocken konnte. (Das Futter war Heu, das fand ich super. Ist ja auch das Hauptgericht in der Meerschweinernährung.) Ich wusste zwar nicht recht, was ich davon halten sollte, aber die Idee ist ja ganz niedlich. Allerdings ist mir aufgefallen, dass einige Kinder die Tiere grob anpackten und hochnahmen. (Eins hat gebissen!) Dann hielten sie sie am ausgestreckten Arm fest. Es sah aus, als wollten sie sie zwischen den Fingern zerquetschen und es war offensichtlich, dass die Schweinchen ihnen nicht zu Nahe kommen sollten. So standen sie dann da, um sich von ihren Eltern mit dem Tablet fotografieren zu lassen. Die Kinder waren mindestens im Grundschulalter, vielleicht sogar älter. Eigentlich sollten sie alt genug sein, um gelernt zu haben, dass man Tiere so nicht behandelt. Die Erwachsenen rund herum sagten nichts dazu, nicht mal die Frau vom Zoo. (Ich auch nicht, ich weiß.)

Später sah ich dieselben Kinder nochmal. Das Mädchen, etwa 10/11 Jahre alt, trug ihr Geschwisterchen durch die Gegend. An sich eine ganz niedliche Vorstellung, allerdings war der Bruder etwa 4/5 Jahre alt – also alt genug zum selber laufen – und er strampelte und brüllte wie am Spieß. Er wollte nicht getragen werden. Die große Schwester hielt ihn aber völlig unbeeindruckt fest und aus der Ferne riefen die Eltern. Sie wollten aber nicht, dass sie ihren Bruder etwa los lässt, nein, das Mädchen sollte sich vielmehr beeilen den Bruder zu ihnen zu schleppen. Mir kam das alles komisch vor. Da lief doch etwas schief. Am liebsten wäre ich dazwischen gegangen, sowohl bei den Meerschweinchen als auch beim kleinen Bruder, der einfach durch die Gegend gezerrt wurde. Aber das fällt leider nicht in meinen „Zuständigkeitsbereich“ bzw. meine „Einflusszone“.

Trotzdem mache ich mir jetzt und hier meine Gedanken über das Thema Erziehung und Macht. Was lernen diese Kinder über den Umgang mit anderen Menschen? Über alle, die in der Rangfolge unter ihnen stehen, haben sie die Macht und können entscheiden, was diese tun und lassen müssen. Nur wieso gibt es überhaupt diese Rangfolgen? Wieso ist der kleine Bruder überhaupt unter seiner Schwester? Und in anderen Kulturen ist es sogar andersrum. Warum muss diese Art der kulturellen Machtordnung sein?

Eine Antwort darauf habe ich nicht, aber mir fällt dazu ein Satz ein, der mir vor kurzem begegnet ist: „Erziehung ist gemein“. Diese von mir im Zoo beobachtete Erziehung ist wirklich ziemlich gemein. Aber ich fühle mich selbst auch manchmal gemein, z.B. wenn ich der Meinung bin, dass eine neue Windel unbedingt sein muss, der kleine Grinsekater sich aber ganz doll wehrt. Besonders im Urlaub habe ich ihn in solchen Situationen öfter mal windelfrei loskrabbeln lassen, zuhause spielt er meist auf dem Wickeltisch, bis er soweit ist, dass ich ihm wieder eine Windel anziehen kann.

Ich möchte nicht mit meinem Kind darum kämpfen, wer von uns nun „recht hat“. Natürlich ist er mit seinen knapp 11 Monaten noch zu klein, um zu verstehen, dass eine volle Windel zu Hautreizungen und einem wunden Po führt, aber berechtigt mich das, ihn gegen seinen Willen festzuhalten und zu wickeln? Eigentlich nicht. Ich schreibe hier bewusst „eigentlich“, denn manchmal muss es eben doch sein, dass ich ihm etwas aufzwinge. Eben damit der Po nicht noch wunder wird, oder weil wir mit dem Auto im Stau stehen und ich eben nicht mal schnell anhalten und stillen kann.

Solche Situationen tun mir oft sehr leid (und das sage ich dem Grinsekater auch), aber genauso leid tun mir auch die gequälten Meerschweinchen und der kleine Bruder im Zoo. Denn es gibt ja einen Grund, wieso die Meerschweinchen vor den Kindern weglaufen, der kleine Bruder nicht kommen wollte (und erst recht nicht getragen werden wollte) und der Grinsekater sich nicht in die Windel gucken lassen will. Den Grund muss derjenige selbst nicht einmal bewusst kennen, und ich muss ihn erst recht nicht verstehen.

Aber mir ist es wichtig, das Bedürfnis dahinter wahrzunehmen und zu respektieren. Zum Beispiel das Bedürfnis meines Babys, eben gerade jetzt nicht vor mir auf dem Rücken zu liegen. Ich beeile mich damit, wenn es doch notwendig ist oder versuche es mit Ablenkung. Rumalbern hilft oft. Und ich denke, dass auch die große Schwester mehr Spaß gehabt hätte, ihren kleinen Bruder mit einem gemeinsamen Wettrennen zu animieren doch noch am richtigen Ort anzukommen.

Aber worauf will ich eigentlich hinaus? Egal ob Meerschweinchen oder Pferd und egal ob Erwachsener, Kind oder Baby. All das sind Lebewesen und sie verdienen Respekt und Achtung. Und ihre Freiheit. So gehe ich auch mit dem Grinsekater um. Er muss nichts und darf alles. Meine Aufgabe ist es, ihn zu ernähren und auf ihn aufzupassen (aber auch das kann er ganz gut selbst.), während er an meinem Leben teilnimmt und sein eigenes entdeckt. Und es macht einfach Spaß zu beobachten, wie er die Welt erforscht.

Antonia

Ich bin ich und du bist du. Und das soll so bleiben.

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