Sprachen lernen mit Gebärden

Vor kurzem war ich zu Besuch bei einer Freundin und ihrem fast zweijährigen Sohn – nennen wir ihn Jojo. Als ich gesehen habe, wie intensiv Jojo Kontakt aufnimmt und sich mit allen Mitteln versucht zu verständigen, musste ich an meine Zeit in Norwegen denken. Ich habe dort in einer Einrichtung für mehrfachbehinderte Gehörlose gearbeitet. Zu Beginn konnte ich kaum Norwegisch. Ich bin kein guter Sprachenlerner, wenn es darum geht, sich hinzusetzen und Vokabeln zu lernen. Das habe ich schon in der Schule gehasst, obwohl ich Sprachen sehr gerne mag.

In Norwegen war das aber alles anders. Ich war in einer Gruppe mit Kindern, die die Kombination aus Laut- und Gebärdensprache brauchten und so hatte auch ich im Alltag die Kombination aus beidem. Recht schnell habe ich im Arbeitsalltag entweder die Gebärde oder das jeweilige Wort verstanden und ich erinnere mich noch gut, wie frustrierend es war, so gut wie alles verstehen, aber nicht antworten zu können. Das war damals für mich ein Schlüsselerlebnis, denn das ist wohl auch der Punkt, an den alle Kinder etwa im Alter von Jojo kommen – meiner Meinung nach ein wichtiger Meilenstein in der Sprachentwicklung. Es ist nämlich gar nicht so einfach auszuhalten, dass man nicht antworten kann, obwohl man doch etwas wichtiges sagen möchte. Doch dann änderte sich bei mir auf einmal etwas – und ich hatte mich in der Zwischenzeit nicht hingesetzt und gelernt. Es war, als ob sich irgendwo im Gehirn ein Schalter umgelegt hätte, plötzlich konnte ich antworten. Ich bildete Sätze und benutzte norwegische Wörter, die ich nicht bewusst gelernt hatte. Manchmal lag ich abends im Bett und überlegte, wo ich ein bestimmtes Wort wohl gelernt hatte. Meist konnte ich mich nicht erinnern.

Während dieser Phase, in der ich offenbar passiv Norwegisch gelernt hatte, war eine Sache besonders hilfreich. Und das war die Tatsache, dass um mich herum nicht nur alle norwegisch sprachen, sondern auch norwegische Gebärdensprache. Und dass sie ihre lautsprachlichen Aussagen oft mit Gebärden begleiteten. Jedenfalls konnte ich, wann immer ich ein Wort nicht wusste, auf die Gebärde zurück greifen und wurde so verstanden. Meine Ausdrucksfähigkeit war damals sehr vielfältig gewesen. Ich erinnere mich, dass ich zum Beispiel das norwegische Wort für Kühlschrank (kjøleskap) nicht richtig aussprechen konnte und stattdessen oft die Gebärde benutzte.

Später erlebte ich etwas ähnliches in Brasilien. Ich lebte dort in einer deutschen Familie und hatte immer jemanden, der Deutsch konnte. So richtig (brasilianisches) Portugiesisch hatte ich da erstmal nicht gelernt. Doch dann gab es immer häufiger mal Situationen, in denen ich mich irgendwie verständigen musste. Das war ganz schön schwierig – meine Gegenüber konnten kein Englisch und wir benutzten Hände und Füße. Aber dann traf ich einen Schwerhörigen, der auch nur ganz wenig Englisch konnte, aber dafür brasilianische Gebärdensprache. Von ihm habe ich nicht nur einige brasilianische Gebärden gelernt, sondern auch portugiesische Wörter. Das war spannend und hat mir unglaublich geholfen. Leider war ich ingesamt nicht lange genug da, um die Sprache wirklich gut zu können.

Es hat mir aber gezeigt, dass Gebärdensprache das Lernen der zugehörigen Lautsprache gut unterstützen kann. Das führt mich wieder zum Thema Babygebärden bzw. Kindergebärden. Für die Kleinsten sind die Gebärden einfach eine sprachliche Brücke in der Verständigung mit ihrem Umfeld – ähnlich wie es bei mir in Norwegen der Fall war. Sprechen oder artikulieren klappt vielleicht noch nicht, aber mit den Gebärden können sie sich trotzdem verständlich machen. Es geht dabei nicht darum, den Babys direkt Gebärden bei zu bringen, sondern es geht vielmehr darum die eigene Sprache visuell zu unterstützen. Wenn ich z.B. mir (oder dem Baby) etwas zu Essen mache, sage ich ihm das, wie ich es auch ohne Gebärden tun würde. Das Wort Essen begleite ich dann mit der passenden Gebärde. Momentan beobachte ich hierzu unseren Tagesablauf und schaue, in welchen Situationen ich die Gebärden am Besten einbauen kann. Ein paar benutzen wir schon, aber es werden mehr.

Doch auch wenn ein Kind schon angefangen hat zu sprechen, können die Gebärden noch hilfreich sein, besonders beim Erlernen schwieriger Wörter. So wie bei mir und dem norwegischen Kühlschrank. Außerdem macht das Gebärden einfach Spaß. Es is wie eine kleine Bühne, die man vor sich rum trägt und auf der man allerlei Geschichten erzählen kann und Quatsch machen kann. Hach, das wird ein Spaß. Ich stelle mir gerade Jojo vor, wie er gebannt seiner Mama zuschaut, die ihm gerade eine Geschichte mit Gebärden erzählt. Es lohnt sich auf jeden Fall auch noch mit einem größeren Kind noch Gebärden zu benutzen – und wer weiß, vielleicht bekommt dein Kind ja mal einen tauben Klassenkameraden. Dann haben die beiden schon eine gemeinsame Basis.

PS. Hab ich schon erzählt, dass der Grinsekaterpapa jetzt auch Gebärdensprache lernt? Damit er unsere „Geheimsprache“ dann auch versteht.

Antonia

Ich bin ich und du bist du. Und das soll so bleiben.

You may also like...

1 Response

  1. Wiebke sagt:

    Wunderschön erklärt und beschrieben, welchen Gewinn Gebärden auch für uns Hörende haben können. Danke!

Kommentar verfassen