Der Window-Watcher oder „Hallo, kann ich Ihre Fenster angucken?“

Heute möchte ich euch einen Beruf vorstellen, den ich in meiner letzten WG kennengelernt habe: der Window-Watcher. Die Berufsbezeichnung ist bewusst englisch gewählt – klingt einfach besser.

Es begann mit diesem Termin in unserem gemeinsamen WG-Kalender. ‚Fenster‘ stand da. Schon Wochen vorher machte mich mein lieber Mitbewohner damit verrückt, dass die Fenster ja unbedingt bis zu diesem Zeitpunkt geputzt sein müssten. Ich verstand rein gar nix. War das nun der jährliche Fensterputztermin oder gar die Vorbereitung auf hohen Familienbesuch?

Da werden die Fenster angeschaut.“, war die Antwort auf meine Nachfrage. Aber warum müssen sie dann sauber sein? Selbst die darauf folgende Erklärung half mir nicht weiter: „Damit wir nichts bezahlen müssen.“ Was? Wieso? Ich muss ein dreckiges Fenster bezahlen? Mh… dann doch lieber putzen!

Also wurde geputzt. Richtig gründlich.

Dann war er da: Der Tag X. Ich wartete gespannt auf die Dinge, die da kommen sollten. Erstmal passierte nichts. Plötzlich klingelte es jedoch. Ich drückte den Türöffner und öffnete die Wohnungstür – da stand er auch schon vor mir: Männlich, ca. 175m groß und freundlich lächelnd. In seiner blauen Latzhose steckten eine Dose Öl, sowie ein Schraubenzieher.

Hallo, kann ich Ihre Fenster angucken?“ Die Frage überraschte mich und verwundert mich noch heute, obwohl ich doch von meinem Mitbewohner lange genug auf die Begegnung vorbereitet wurde. Natürlich bat ich den Herrn hinein und ließ ihn seines Amtes walten.

Pfeifend machte er sich an die Arbeit. Im Badezimmer angefangen betrachtete er die Fenster eindringlich. Obwohl davon nie die Rede war, ließ ich ihn die Fenster öffnen und wieder schließen. Die dazugehörige Melodie kannte ich nicht.

In der Küche ruckelte er dann auf einmal am geöffneten Fenster und zückte den Schraubenzieher. Ohne das Lied zu wechseln schraubte er ein offenbar locker sitzendes Schräubchen wieder fest.

Das Wohnzimmerfenster und das Fenster in meinem Zimmer überstanden den Test problemlos. Zum Abschluß jeder Betrachtung bekam jedes Fenster noch einen Schluck Öl als Leckerli. Wo genau das Öl hinkam, konnte ich aus der sicheren Entfernung nicht genau erkennen.

Im Zimmer meines Mitbewohners jedoch wurde das fröhliche Pfeifen von einem Murren unterbrochen. Man käme ja gar nicht richtig an das Fenster ran, wurde lamentiert. Dass das Bett jedoch zu groß und das Zimmer zu klein war, sah der nette Herr dann jedoch ein. Das Murren verflog und wieder pfeifend prüfte er dieses letzte Fenster so gut er es eben konnte. Es machte keine Probleme.

Und schwupps war der Window-Watcher auch schon fertig mit seiner Arbeit. Was für ein Job? *

Auf meine Frage, warum er denn die Fenster anschauen müsse, bekam ich folgende Antwort: „Naja, einmal im Jahr muss man halt mal gucken!“ Aha, muss man also. Was ist denn dann mit all den Fenstern in all den vergangenen Wohnungen? Da hat nie einer geschaut oder sind die Window-Watcher dort im Geheimen unterwegs? Und fängt ein Window-Watcher wieder von vorne an, wenn er das letzte Fenster geprüft hat?

Ich habe nicht besonders viele Informationen über diese Tätigkeit sammeln können, es scheint mir doch eine durchaus sinnvolle Berufswahl für einen fröhlichen Hobbypfeifer.

*Bewerbung eines Window-Watchers: „Ich trage gerne Latzhosen, besitze mindestens eine Ölkanne und einen Schraubenzieher und kann wunderbar pfeifen. Die anzuschauenden Fenster versorge ich regelmäßig mit Öl und achte selbstverständlich darauf, dass alle Schräubchen fest sitzen.“

Antonia

Ich bin ich und du bist du. Und das soll so bleiben.

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